Klettern & Bouldern

Klettertraining, Tipps und Tricks rund um den Kletteralltag

An den ersten Expressen sichern

Richtig Sichern will gelernt sein. Soviel ist sicher. Immer wieder sieht man grobe Fehler in den Hallen, die am Felsen zu ernsthaften Verletzungen führen könnten und auch in der Halle nicht ohne sind. So sah ich sogar schon “alte Hasen”, die mit Achtersicherung die Bremshand oben hielten und sich selbst nach meinem Hinweis nichts dabei dachten und immer wieder Grigriverfechter, die ganz lässig und passiv durch die Gegend schauen und sogar die Hände vom Bremsseil nehmen…

Letztens war ich mit meinen Kletterkindern in der Halle und habe erklärt, warum und wie man bei den ersten Expressen aufpassen muss, dass man im Sturzfall nicht auf dem Boden aufschlägt. Prompt hören wir hinter uns ein dumpfes Geräusch und einen schmerzinduzierten Aufschrei. Direkt hinter uns stand der Kletterer neben seinem Sicherer und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Ferse. Die erste Expresse war geklippt…

Was war passiert?

An der ersten Expresse gesichert viel der Kletterer bis zum Boden weil er anscheinend an der schmierigen Verschneidung abgerutscht war. Ich denke nicht, dass er versucht hat zu klippen, denn die besagte Stelle benötigt viel Gefühl im Fuß und erst oberhalb ist eine gute Klippposition. Somit ist er wahrscheinlich etwas über der Höhe der Expresse einfach von der Struktur gerutscht. Nun war der Sicherer ein wenig weg von der Wand gestanden und mit etwas Schlappseil und Seildehnung hat natürlich locker für den Grounder gereicht. Man kennt das ja, dass sogar noch bis zur 3-4ten Expresse die Gefahr besteht, beim Klippversuch auszurutschen und dann auf den Boden zu knallen.

Hier sieht man, wieviel Seil ausgegeben ist beim Klippen der zweiten Expresse. Wäre der Kletterer beim Klippen im Dach abgerutscht, wäre er sicher zu Boden gefallen.

Habe hier mal die Länge des ausgegebenen Seils überhalb der ersten Expresse rot und die Sturzhöhe blau markiert. Beim Klippen zu Stürzen würde hier einen Grounder bedeuten.

Der Fehler des Kletterers hier war es, die zweite Expresse auszulassen, sollte man bei den ersten 5-7 Metern (3-4 Expressen) nicht machen bzw. überhaupt nicht machen.

Wie verhindert man sowas?

War natürlich passend, dass genau an dem Tag ich mit den Kindern dieses Thema durchgegangen bin und prompt einer so runterfällt. Wie müssen aber Kletterer und Sichernder reagieren, um es garnicht soweit kommen zu lassen, dass Bodenkontakt entsteht?

  1. Kletterer und Sichernder müssen vollste Aufmerksamkeit mitbringen, sonst werden die ersten 3-4 Expressen schnell zum fiesen Grounder. (Es gab auch schon Situationen, wo der Kletterer nach 8 Metern noch auf dem Boden gelandet ist)
  2. Sichernder steht während den ersten Klettermetern möglichst nahe unter der ersten Expresse, aber dennoch nach links/rechts soweit von der Falllinie entfernt, dass bei einem Sturz ihm der Kletterer nicht auf den Kopf fällt.
  3. Sichernder spotet bis zur ersten Expresse den Kletterer, manchmal lohnt es sich sogar, die erste Expresse auszulassen und bis zur zweiten zu spotten (das darf man natürlich nicht zu laut sagen, aber die Hakenabstände sind so gering und die Expressen gehen so früh los, dass beim Sturz in die erste Expresse man ohne spezielle Techniken eigentlich immer am Boden landet). Bei zweifelhaften Stellen sollte man dann einfach über eine andere Route die ersten beiden Expressen klippen.
  4. Spezielle Technik: Neben den genannten Vorsichtsmaßnahmen gibt es noch eine aktive Möglichkeit einen Sturz beim Klippen der zweiten Expresse (oder auch dritten oder vierten) zu verkürzen, um die Gefahr eines Grounders zu verhindern: Beim Seilausgeben zieht die Seilausgebende Hand das Seil ja nach oben aus dem Sicherungsgerät und die Bremshand gibt das Seil zum Sicherungsgerät ein. Hat man nun genug Seil ausgegeben, verharrt man (als Rechtshänder jetzt beschrieben) also mit der rechten Bremshand nahe am Sicherungsgerät und mit der linken, Seil ausgebenden Hand relativ weit oben. Stürzt der Kletterer, kann man wie beim Seileinholen nun blitzschnell etwas Seil zurücknehmen und somit den Sturzweg verkürzen. Noch dazu sollte man ein bis zwei schnelle Schritte rückwärts nach hinten machen um den Sturz zusätzlich zu verkürzen. Ich trainiere das mit einem Topropeseil als zweite Sicherung. Man braucht also einen Kletterer, einen Vorstiegssicherer und einen Topropesicherer, der die Hintersicherung bildet. Nun kann man selbst ausprobieren, wie schnell man reagieren kann und ob das schnelle Verkürzen des Seils ausgereicht hätte. Das Ganze funktioniert recht gut mit Tube, Achter, HMS, mit Grigri und co hab ichs noch nicht ausprobiert. Die Schritte zurück sind in jedem Fall sinnvoll.

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