Klettergurte – Alles was man wissen muss
Es gibt sehr viel über Klettergurte zu wissen. Das, was man wissen sollte, versuche ich hier zu elektronischem Papier zu bringen:
Art der Klettergurte
Man unterscheidet Hüft/Sitzgurte, Brustgurte und Komplettgurte.
Der Hüftgurt
ist der typische Klettergurt der heutigen Zeit – leicht, angenehm zu tragen und an das (Sport)Klettern angepasst. Auch beim alpinen Bergsteigen hat es sich herausgestellt, dass die Verletzungsrate nicht durch die Wahl eines Hüft- oder Komplettgurtes bestimmt war (Berg&Steigen 2/02). Der Hüftgurt ist somit für alles brauchbar bzw. notwendig.
Komplettgurte
wurden zu Anfangszeiten aus Seilmaterial „gebastelt“, schließlich Gurtmaterial dafür verwendet und sind heute noch eine sichere Variante im alpinen Gelände (bei alpiner Kletterei mit sehr viel Equipment oder auch Klettersteigen). Bei Gletschertouren empfiehlt der DAV allerdings, einen Hüftgurt zu verwenden, da hier der Anseilpunkt niedrigerer ist und somit die „Mitreißgefahr“ des Sturzabfängers am geringsten ist.
Ein Brustgurt
dient optional dazu, in Verbindung mit einem Hüftgurt als Komplettgurt zu fungieren. Das ist für den Sportkletterer von Nutzen, der ab und an auch Klettersteige oder Alpintouren mit viel Gepäck unternimmt.
Wir zäumen das Pferd jetzt von hinten auf, weil der Teil Brustgurt am wenigsten Platz wegnimmt und der Teil Hüftgurt am meisten. :>
Der Brustgurt
Stellt euch eine aus Bandmaterial bestehende 8 vor. In die Schlaufen werden die Arme hineingesteckt, sodass das sich kreuzende Material auf dem Rücken liegt. Die zwei über Schulter und Brust liegenden Schlaufen werden nun miteinander und mit einem Hüftgurt verbunden (mit direktem Einbinden oder Achterband). Eigentlich sind alle Brustgurte so oder so ähnlich aufgebaut, manche wirklich in Form einer 8, andere sind etwas komfortabler geschnitten und benötigen daher hier und da ein paar Vernähungen mehr, das Prinzip ist aber das gleiche.
Hier sieht man einen vernähten Brustgurt.
Hier sieht man das Achterband und das direkte Einbinden. Wer eine detailliertere Beschreibung mit mehr Bildern von mir wünscht, der soll sich melden. Die Seite von Dietmar Hahm ist allerdings wirklich gut bebildert.
Und hier das direkte Einbinden mittels Sackstich auch bei Dietmar Hahm.
Ich wurde von einem Leser darauf aufmerksam gemacht, dass noch veraltete Knoten wie der “Bandschlingenknoten” auf Dietmar Hahms Seite gezeigt werden. Dieser Knoten kann sich lösen und ist nichtmehr bestand der aktuellen Lehrmeinung des DAV. Auch “den Gurt an- und ausziehen, ohne den Verbindungsknoten zwischen Hüftgurt und Brustgurt lösen zu müssen” ist etwas abenteuerlich und sollte nicht nachgemacht werden. Ich verweise ausdrücklich nur auf die wirklich guten Bilder der von mir erklärten Knoten!
Der Komplettgurt
Eine detaillierte Beschreibung wäre überflüssig und verwirrend aber am Ende besteht der Komplettgurt auch aus Gurt für den Oberkörper und einem Hüft/Sitzgurt, diese sind fest miteinander verbunden. Verstellbar ist er meist an Bein- und Rucksackschlaufen mittels Schnallen und hat vorne zwei zu verbindende und extra gekennzeichnete Schlaufen oder Ringe, an die das Sicherungsseil gebunden werden muss.
Der Komplettgurt ist weniger variabel als die Kombination aus Hüft- und Brustgurt und zum Sportklettern viel zu unbequem. Allerdings macht es bei kleineren Kindern (etwa 3-6 Jahre) Sinn, einen Kinderkomplettgurt (zugelassen bis 40 Kilo) anzulegen, da die Kleinen ihren Körperschwerpunkt weiter oben haben (kurze Beine, großer Kopf). Dies führt zu unkontrollierten Stürzen und im schlimmsten Fall mit Hüftgurt zum rückwärts über Kopf hängen und aus dem Gurt „rutschen“. Ein Komplettgurt hingegen hat seinen Anseilpunkt höher als ein Hüftgurt und somit liegt der Schwerpunkt unter dem Anseilpunkt, was ein Zurückschlagen verhindert. Noch dazu stützt freilich der Brustgurt den Oberkörper. Eine Brust- und Hüftgurtkombination rentiert sich meist nicht für Kinder, da diese teurer und aufwendiger ist und doch nur dasselbe leistet. Komplettgurte eignen sich auch für Menschen, die sich nicht so gut selbst stabilisieren können (zum Beispiel Träger eines schweren Rucksacks, Übergewichtige, Ältere, Behinderte, Verletzte usw.) wegen der genannten Verbesserung des Verhältnisses von Anseilpunkt zum Schwerpunkt. Wenn diese beiden in etwa gleich sind oder der Schwerpunkt wenig unter dem Anseilpunkt liegt, wird ein Zurückschlagen weitestgehend verhindert.
Das Anseilen am Komplettgurt verläuft durch die beiden gekennzeichneten Anseilschlaufen mittels Achter oder Bulinknoten. Also genauso wie beim Anseilen am Hüftgurt.
Der Hüftgurt
Wie von euch sicherlich bereits geahnt ist er das Herzstück eines jeden Gurtes. Etwa 80% der Fallenergie nehmen die Beinschlaufen auf, die anderen 20% der Hüftgurt. Man bemerkt, dass der passendere Name eigentlich Sitzgurt ist. Genau so sollte man auch im optimalen Fall (doppeldeutig :>) in den Gurt fallen – im Sitz, leicht zurückgelehnt, Füße gegen die Wand gestreckt und Hände an den Anseilknoten.
Hüftgurte sind eigentlich fast alle gleich aufgebaut. Eine Anseilschlaufe verbindet beide Beinschlaufen und den Hüftgurt. Das Anseilen am Hüftgurt habe ich bereits beschrieben.
Nun gibt es verschiedene Modelle von spartanisch leicht bis allround und komfortabel und solche, die für Bigwalls, zum Canyoning oder zum Eisklettern ausgelegt sind. Sie unterscheiden sich meist in der Anordnung und Anzahl der Details wie zum Beispiel Größe, Position und Anzahl der Materialschlaufen, weitere Anbringmöglichkeiten für Eisclipper (für Eisschrauben) oder als Seil- und Chalkbaghalterung und auch eine 5KN Schlaufe zum zusätzlichen Hintersichern von z.B. Kindern oder transportieren schwerer Ladung und Seileinholen. Manche haben große, starke Polster und andere sind extrem filigran ausgelegt. Es gibt Kindergurte und Frauengurte und noch viele andere Varianten.
Schnallen
Es gibt 4, 3, 1 und 0 „Schnaller“.
Der 4 Schnaller ist an den Beinen und zweimal an der Hüftschlaufe mittels Schnallen verstellbar. Ein solcher Gurt bietet den Vorteil, dass er bei kurzer Hose und T-Shirt ebenso passt, wie bei Schneehose und Jacke oder auch mal dem deutlich schwererem und größerem Kumpel geliehen werden kann. Für alle, die einen variablen Gurt für alle alpinen Unternehmungen suchen und nicht großartig auf Gewicht Wert legen, sei so ein Gurt empfohlen. Hier gibt es dann eben Unterschiede zwischen den Herstellern (Polster, Materialschlaufen, Farbe und Passform) und auch Unterschiede im Verwendungszweck. Da muss man einfach probieren und Prioritäten setzen.
Der 3 Schnaller hat verstellbare Beinschlaufen und eine Schnalle an der Hüftschlaufe. Der muss eben passen und sollte auf dem Lendenbereich symmetrisch aussehen, sonst ist die Größe falsch. Ansonsten hat er ähnliche Eigenschaften wie der 4 Schnaller, ist nur vielleicht ein paar wenige Gramm leichter und weniger aufwendig.
Der 1 Schnaller hat eine Schnalle am Hüftgurt, die Beinschlaufen sind teilelastisch und sollten genau passen (siehe unten). Dies ist klassisch der leichteste Gurt und ist fast ausschließlich zum Sportklettern gedacht, da er minimales Gewicht und maximale Bewegungsfreiheit und Komfort vereinen kann. Recht variabel ist man damit allerdings nicht.
Der 0 Schnaller ist ein witziges Ding von Edelrid und heißt Loopo. Die Bindhammers haben den Gurt auf vielen Fotos an, denn er ist extrem leicht und damit super geeignet fürs Sport und Hallenklettern am Limit. Hier werden die linke und rechte Schlaufe direkt mit dem Achter oder Bulinknoten verbunden, das hält ebenso, ist aber etwas gewöhnungsbedürftig. Wer einen 190 Gramm leichten Gurt sucht und auch ansonsten jedes Gramm zählt, sollte sich den Edelrid Loopo Klettergurt mal ansehen.
Passform des Gurtes
Beinschlaufen sollten eng anliegen sodass noch eine gestreckte Hand zwischen Bein und Schlaufe passt und sollten natürlich nicht zu sehr einengen. Die Hüftschlaufe sollte enger als der breiteste Punkt der Hüfte sein, sonst besteht die Gefahr beim Zurück-schlagen, dass man aus dem Gurt rutschen kann. Die Hüftschlaufe einfach auf etwa Bauchnabelhöhe tragen und angenehm den Bauch/Hüftbereich umschließen lassen. Wenn man die Schnallen zuzieht sollten sie optimalerweise noch etwas enger und weiter verstell- bar sein, um alle Eventualitäten abzudecken. Die Hüftschlaufe sollte am Rücken symmetrisch aufliegen, das kann man an den Materialschlaufen auch selbst prüfen, diese müssen links wie rechts gleich anliegen. – Wenn nicht: Größe des Gurtes anders wählen!
Gurtmaterial
Manche Hersteller machen klassisch einen aus Gurtband bestehenden Gurt und nähen darauf dicke Polster. Diese sind angenehm zu tragen und polstern im Sturz sehr gut.
Andere Hersteller verwenden „Frame“ Technologien, d.h. man baut einen Rahmen aus Gurtmaterial, welches die Belastung besser verteilt und spart damit Gewicht und Polster. Dadurch werden diese Gurte beweglicher und man kann Löcher in den Gurt einbauen, damit man bei heißen Tagen in der Halle nicht allzu sehr unter dem Gurt schwitzt. Die Fallenergie wird hier sehr gut verteilt auf die Breite des Gurtes.
Die technisch aufwendigste Art ist es, das Gurtband aufgedröselt komplett in den Gurt einzulaminieren, wie es Arc’teryx tut. Arc’teryx ist überhaupt DER Hersteller für Leichtbau, die verkleben/laminieren einfach alles und das so minimal, dass dabei immer das leichteste und gleichzeitig funktionellste Produkt entsteht (nein, ich bin kein Arc’teryx Vertreter!). Beim A300A ist dabei der wohl leichteste und bequemste und auf jeden Fall dünnste 3 Schnaller am Markt raus gekommen. Wer diesen Gurt schon einmal angehabt hat, träumt Tag und Nacht von ihm und plündert dann sein Sparschwein, denn er ist nicht unbedingt günstig. Dieser Gurt verspricht neben maximalem Komfort bei minimalem Gewicht auch die beste Belastungsverteilung im Sturzfall. Andere Hersteller ziehen mit ähnlichen Konstruktionen nach, aber das Patent liegt wohl noch länger bei Arc’teryx. Mehr zu Arc’teryx Klettergurte unter klettern4you. Prinzipiell müssen alle Gurte die gleichen Normen leisten und bestehen
- Gurte müssen Mindestbreiten bei den Gurtbändern erfüllen
- Festigkeit in Kopf oben Position für Hüft und Komplettgurte 15KN, für Kindergurte 10KN
- Festigkeit in Kopf unten Position für Komplett-, Hüft/Brustkombinations- und Kinderkomplettgurte 10KN (nicht für Hüftgurt, da hier eine Kopf unten Position unbedingt vermieden werden muss, da man hinausrutschen kann)
- Schnallenfestigkeit des Bauchgurtes (nur beim Hüftgurt) 10KN
- Durchrutsch der Schnallen (nur Hüftgurt) <20mm
Die UIAA Norm schreibt außerdem vor, dass alle Nähte an Kraft aufnehmenden Teilen des Gurtes farblich abgehoben sein müssen. Diese Norm ist allerdings nicht bindend. Wenn ihr aber einen Gurt mit UIAA Norm kauft, hat dieser sogar bessere Standards, als sie in der EU eingehalten werden müssen.
Haltbarkeit
Gurtmaterial muss nach Herstellerangaben nach spätestens 10 Jahren aussortiert werden, denn das Polyamid oder andere Materialien können auch altern und „brüchig“ werden. Bei entsprechender Benutzung kann die Haltbarkeit des Klettergurtes auf wenige Jahre reduziert werden. Das sind Herstellerangaben und sind sicherlich vorsichtig angegeben, aber man muss bedenken, dass ein Gurt nicht die Welt kostet, daran aber das eigene Leben hängt. – Also lieber 10-20 Euro pro Jahr (grob gerechnet) ausgeben und etwa alle 5 Jahre in einen neuen Gurt investieren.
Jetzt zu den Schnallensystemen
Prinzipiell gibt es 2 oder auch 3 verschiedene Systeme, einmal die Rückfädelschnalle und einmal eine Schnalle aus zwei beweglichen Eisenteilen (Slide Bloc und die Klick Schnalle)
Rückfädeln muss man bei der etwas älteren Art der Gurtschnallen. Das Gurtband wird durch die Schnalle gefädelt und dann oberhalb der Schnalle wieder zurückgefädelt. Die Bedienung dieser Schnallen ist gewöhnungsbedürftig, sitzt aber, wenn einmal richtig eingestellt, immer gleich gut und verstellt sich nicht. Gerade bei Kindergurten würde sich das anbieten, die Kleinen achten nicht auf ihre Schnallen und spielen eventuell daran herum. Die Rückfädelschnallen gehen meist so streng einzustellen, dass hier kaum eine Gefahr des Verstellens entsteht.
Slide Bloc nennt man das Schnallensystem bestehend aus einer fixen und einer kleineren darauf genähten Schnalle. Wie beim Motorradhelm führt man das Gurtband durch beide Schnellen durch und fädelt einmal zwischen beiden Schnallen wieder zurück. Der Gurt kann nun ganz einfach auf und zu gemacht werden, ohne, dass das Gurtband ausgefädelt werden muss. Man braucht lediglich die Schnalle fest zu halten und am Band zu ziehen (zumachen) bzw. mit fixierter Schnalle den Gurt aufzuziehen (aufmachen).
Die Klickschnalle ist vom Prinzip her ganz genau so wie die Slide Bloc, nur ist die kleinere Metallschnalle nicht auf der größeren Festgenäht und kann mit etwas Übung sehr leicht durch die größere durchgefädelt werden. Das erspart das Gurtfädeln und lässt den gesamten Gurt in Sekundenschnelle komplett öffnen. Wozu braucht man das? – Zum Beispiel im Gebirge, wenn man mal muss oder mit Steigeisen in den Gurt steigen möchte. Man würde niemals mit dicken Stiefeln und Steigeisen durch die Beinschlaufen kommen und so kann man die Beinschlaufe einfach aufmachen und am Oberschenkel wieder zu und dann den Gurt festziehen.
Frauengurte
Für Damen, die die typische „Colaflaschen“ Form haben, also eine schöne Hüfte und schmale Taille, gibt es spezielle Frauenmodelle im Gegensatz zu den unisex Modellen. Hier wurde das Verhältnis der Größe der Beinschlaufen zum Hüftgurt der weiblichen Kontur angepasst. Auch der Hüftgurt ist leicht geschwungener und seitlich eingestellt, um den Kurven der Taille sich besser anzupassen. Probiert es ruhig aus, Unisex Gurte passen beinahe nie, Frauenmodelle sitzen oftmals wie angegossen. Noch eine Änderung gibt es: Frauenmodelle haben wie bei den Schuhen andere Farben über die man sich streiten kann :>
Eine wirklich Tolle Sach ist die Klettergurt Fibel von Mammut!
Hier gibt’s Mammut Gurte und mehr
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