Vertical Secrets
Outdoor-Bücher gibt’s wie Sand am Meer und Kletterbücher werden es auch immer mehr. Vor allem die Nicht-Lehrbuchliteratur nimmt stetig zu. Wenn man sich aber ein Buch über’s Klettern kauft, möchte man (ich zumindest) doch auch etwas dazulernen und nicht bloß lesen, was der eine oder andere geschafft hat und welche Erlebnisse er dabei hatte…aber auch keine trockene Lehrbuchliteratur lesen.
Kletterbücher wie Lizenz zum Klettern oder die Alpin Lehrplan Reihe sind sicherlich eine sehr gute Basisliteratur für Interessierte. Und nun stelle ich euch ein neues meiner Meinung nach sehr empfehlenswertes Buch rund um’s Klettern vor:
Vertical Secrets
Eigentlich konnte ich mir unter dem Titel “Vertical Secrets” nicht so richtig viel Vorstellen und auch das Cover hat mich nicht dazu überredet, Vertical Secrets zu kaufen. Und so habe ich bei den ersten Blickkontakten zunächst einmal weggeschaut. Erst ein Freund hat mich dann auf die vertikalen Geheimnisse gebracht…
Peter Keller, Jahrg. 72 und Andi Schweizer, Jahrg. 67 sind seit Jahren versierte Kletterer mit viel Erfahrung. Peter ist Kletterwandbauer und Bergführer, Andi Orthopädischer Chirurg, Schwerpunkt Handchirurgie. Beide haben sich mit diesem Buch vorgenommen, dem interessierten Kletterer ein interessantes und sympatisches Nachschlagewerk zum Ausbauen der eigenen Kletterfähigkeiten mit an die Hand zu geben: Mission geglückt.
Ich denke es gibt kein anderes Buch, was so detailliert auf Techniken, Anatomie, Verletzungen, Psyche, Ernährung und Biomechanik eingeht und dabei so kurzweilig zu lesen ist. Platzbedingt reißen die Passagen fast alles an, was von Interesse ist, ohne ein Thema wirklich totzukauen. Kurz und Prägnant werden die Themen teilweise von “externen” Schreibern angegangen, die sich in diesem Bereich auskennen (z.B. Motivation von Sandro Dönni, Psychotherapeut).
Es gibt gute Übungsvorschläge für Beweglichkeit, Trainingspläne, Aufwärmen, Techniktrainingsvorschläge und vieles mehr. Farblich am Rand gekennzeichnet sind die einzelnen Rubriken gut zu finden und das Buch lässt sich hervorragend als Nachschlagewerk für alle versierten Kletterer nutzen, die sich mal schnell vor der abendlichen Trainingssession Ratschläge holen möchten.
Vor allem das Thema Verletzungen und Anatomie gibt Andi Schweizer perfekt wieder und auch ich als studierter Sportwissenschaftler (Eigenlob stinkt, ich weiß) habe meine “AHA”-Erlebnisse gehabt. Gerade beim Thema Verletzungen hat sich Andi wohl etwas gespielt, echt super. Was dafür nicht ganz so meinem Geschmack entsprochen hat, war das Thema Training, wobei hier nur Details aufgefallen sind. Immerhin ist dies kein reines Lehrbuch der Sportwissenschaft und muss somit die Grätsche schaffen zwischen Lesbarkeit für Laien und Information für Versierte. Aber insgesamt beide Daumen hoch und auch eine schöne Literaturliste ist mit dabei.
Fazit
Ein sehr gelungenes Buch für interessierte Anfänger wie auch den fortgeschrittenen Kletterer oder auch für solche, die Kurse oder ähnliches geben.



Hey Maxi, wieder eine sehr gute Beschreibung – und kann mich nur anschliessen:
Sau-cooles Buch mit echt hohem praktischen Nährwert!
Bemerkenswert ist auch, dass die Autoren Erfahrungen mit einem eigenen (und sicherlich auf den ersten Blick auch ‘eigenartigen’) Trainingsgerät einbringen, dem ‘TurnTillBurn’. Das ist im Prinzip eine mit seitlichen Kugellagern versehene (Klimmzug-)Stange, die sich dadurch beim Belasten frei drehen kann. Die idee ist, sich beim Hängen an der Stange mit den Fingern ein- und auszurollen, also das Krafttraining der Fingerbeugermuskulatur (sowohl der FD superficialis als auch der FD profundus werden wirkungsvoll mit Trainingsreizen bedacht) konzentrisch/exzentrisch zu gestalten. Die Belastungsintensität wird dabei durch Zusatzgewichte / Entlastung mit den Füßen (z.B. auf einer Wage stehend) gesteuert. Das TurnTillBurn stellt eine gute Ergänzung (!) zu den ansonsten überwiegend isometrischen Kontraktionsformen bei anderen gebräuchlichen Formen des Fingerkrafttrainings dar (besonders Hangboard). Da es bekanntermaßen bei rein isometrischen Belastungsformen schneller zu einer Stagnation der Kraftentwicklung kommt (und in meinem ‘reiferen’ Alter sowieso
, und vor allem das Trainingsziel Hypertrophie ’statisch’ auf Dauer schwerer zu erreichen ist als ‘dynamisch’, ist dies eine sinnvolle und wirkungsvolle Ergänzung / Abwechslung während des Grundlagen-/Aufbautrainings. Eigene Erfahrungen über einen 8-Wochenzyklus Mitte 2010 haben dies bestätigt (OK, Fallzahl 1 ist für die Verallgemeinerung nicht wirklich ausagekräftig, aber was juckt mich die Verallgemeinerung, wenn’s doch bei mir funktioniert hat
.
PS: Die Eigenbauvariante mit Aufhängung mittels zweier loser Rollen (wie z.B. für die Spaltenbergung gebräuchlich), zweier Seilschlaufen (Reepschnüre) und Rundhölzern in variablen Durchmessern funktioniert prima (ist auch im Buch so ähnlich beschrieben). Ob sich das Investment für das Original TurnTillburn lohnt kann ich somit nicht beurteilen.
PPS: Eine mir aufgefallene Parallele für diejenigen, die sich auch in der amerikansichen Trainingsliteratur umgesehen haben (in diesem Fall: E.Hoerst ‘Training for Climbing’): Das Prinzip ähnelt den dort u.a. beschriebenen ‘Heavy Finger Rolls’, auf die angeblich auch die amerikanische Kletterlegende Todd Skinner (rip) seinerzeit geschworen hat. Ich finde die Belastungsform beim TurnTillBurn aber noch deutlich kletterspezifischer.
Hi Maxi,
Dein Comment steht zwar unter dem Thread zum Buch LZK3 – ich schreibe aber mal hier dazu…
Auf einen Punkt Deiner Antwort möchte ich besonders eingehen:
< Nur muss man sich mal vor Augen halten, dass die Rollbewegung so nicht im Klettern vorkommt. Die Biomechanik ist also ganz anders, man beugt eher das Handgelenk und weniger die Finger. Dadurch werden die Fingergelenke zwar entlastet, aber wirklich besser wird man wahrscheinlich dadurch an kleinen Leisten nicht – eher noch an Slopern die ja offen gehalten werden.>>
=> Klar, die Rollbewegung (=per Definition ja dynamisch) selbst kommt so beim Klettern (=statische Haltearbeit der Fingerbeuger) nicht vor. Allerdings ist aus meiner Sicht entscheidend, ob die Belastungsrichtung (=Arbeitswinkel der Fingergelenke, also Grundgelenk, DIP und PIP) bei dieser Bewegung ähnlich erfolgt wie bei Halten von Griffen, und zumindest bei ‘nicht-aufgestellten’ Griffen ist dies aus meiner Sicht eindeutig der Fall. Dass sich die Rollbewegung in eine Flexion des Handgelenkes übersetzt kann ich eindeutig verneinen (kannst Du ganz leicht selbst ausprobieren / bei youtube finden sich auch Beispielvideos dazu – Stichwort TurnTillBurn; da sieht man es deutlich). Ziel ist es, sich an der Rollstange langsam vom ‘geschlossenen’ Griff bis hin zu den ‘Fingerspitzen’ aus- und (ggf. unter Wegnahme von Gewicht) wieder einzurollen, das Ganze bei einer weitgehend neutralen Position des Handgelenkes.
] & Schmidtbleicher, D. (1999). Struktur der Kraftfähigkeiten und ihrer Trainingsmethoden. In Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin 50.
Dass sich dynamische Maximalkraft hinreichend in statische Maximalkraft übersetzt ist ja hinlänglich von Deinen Kollegen Sportwissenschaftlern bewiesen. Guckst Du z.B. bei Güllich, A. [nomen est...
Und um nochmals meine eigenen praktischen Erfahrungen damit zu bemühen: Die Kraftzunahme bei Flexion im DIP (also für Leisten im ersten Fingerglied) – allerdings nicht aufgestellt sondern (wie Du ja auch vermutet hast) offen gehalten – war eindeutig messbar.
Ein Vorteil der dynamischen Arbeit ist auch, dass dabei die Beschränkung der statischen Trainingsarbeit (Trainingseffekt ist nur jeweils für Gelenkwinkel +/- ca. 15° von der Trainingsposition relevant) wegfällt, da automatisch über eine breitere Range von Gelenkwinkeln trainiert wird.
Aber -wie gesagt- das Ganze sollte nur als ERGÄNZUNG gesehen werden, keines Falls als voller ERSATZ für das spezifischere Krafttraining am Hangboard etc. oder besser noch direkt durch Bouldern.
Und bevor wir (ok: ich) uns in den Feinheiten des reinen Krafttrainings verlieren noch ganz schnell der Disclaimer, bevor mir das hier jemand (zu Recht) um die Ohrwascheln haut:
- Kraftzuwachs nie schneller forcieren als der passive Bewegungsappart (also Gelenke, Ringbänder u.ä.) an Stabilität gewinnt, was bekanntlich länger dauert. Sprich: Auf geeignete Pausen / Stabilisierungszyklen im Trainingsaufbau achten. Besondere Vorsicht bei Heranwachsenden (Wachstumsfugen!) – am Besten dort gar kein isoliertes Fingerkrafttraining!
- Kraft ohne Technik taugt bekanntlich eh nichts, also wenn ich die Wahl habe zwischen einer Bouldersession und einer reinen Kraftsession habe, dann sollte ich immer die Variante wählen, die mir neben reinen Kraftreizen auch noch das Bewegungsrepertoire aufpoliert.
Fazit: Für wen ist das überhaupt was?
Meiner Meinung nach für den vollständig (Finger-)gesunden Kletterer, der mitunter keinen Zugang zu besseren Bouldermöglichkeiten hat und der Auffassung ist, dass eine Ergänzung / Abwechslung im Trainingsreiz dabei hilft, ein Plateau in der Entwicklung der Fingerkraft zu überwinden.
…dabei kann das ‘Kraftplateau’ durchaus auch ein ‘eingebildetes’ sein, wenn die eigenen suboptimalen motorischen oder auch mentalen Fähigkeiten mal wieder als fehlende Kraft interpretiert werden müssen, um das kleine Kletter-Ego vor sich selbst in Schutz zu nehmen
cya, Tom
Hoi Tom,
jetzt bin ich mal gespannt, ob das jetzt an den richtigen Artikel gehängt wird. Eigentlich müsste das automatisch gehen, irgendwie macht das das Tool aber nicht!?
Sooooo, dann leg ich mal los (ich habe allerdings gerade keinerlei Literatur oder so etwas zur Hand, also alles aus dem Stehgreif und der Erfahrung heraus):
1) Ich find’s cool, dass du da so fit bist und dich derart schon mit dem Thema befasst zu haben scheinst ;>, macht Spaß.
2) http://www.youtube.com/watch?v=Dl0zoNldXQk Wenn man sich dieses Kurzvideo ansieht möchte man nicht glauben, dass ein Klettergriff (außer Bierhenkel) jemals so gehalten wird wie das TurnTilBurn. Die Anfangsbewegung beinhaltet durchaus eine offene Handstellung, aber aufgrund der Form des TunTilBurns wohl eher erinnernd an Henkelgriffe, nicht an Sloper und schon garnicht kleine Leisten. Nun trainiert man also in einem ganz anderes Gelenkwinkel der distalen und proximalen Interphalangealgelenke (DIP und PIP, also entfernte (erste) und (zweite) nähere Fingergelenke sowie die Fingergrundgelenke) und das impliziert eine ganz andere Belastung auf aktive und passive Strukturen. Es ist durchaus erwiesen, dass Muskulatur durch Training auch in anderen Längen und Winkelgraden einen signifikanten Kraftzuwachs verzeichnet. Allerdings werden durch verschiedene Winkelgrade die Sehnen und vor allem Ringbänder kaum in der gewünschten Position beansprucht und gestärkt. Dadurch ergibt sich, dass die erhöhte Kraft kaum in diesem Umfang an den Griff übertragen werden kann.
3) Ja, wir sparen uns jetzt die Anatomievorlesung, es gibt etwa 20 Unterarmmuskeln, das kann sich eh kein Mensch merken und noch viel schwieriger wird dann die diomechanische Diskussion, die übrigens weder von mir noch von Güllich und Schmidtbleicher befriedigend aufgedröselt werden kann, da gibt es andere Experten. Festhalten möchte ich aber doch folgendes und mich deinen abschließenden Worten ebenfalls anschließen:
Das TurnTilBurn ist für mich kein spezifisches Klettertrainingsgerät. Es trainiert hauptsächlich die langen Fingerbeuger, die NUR bis zum mittleren Segment der Finger reichen (flexor digitorum superficialis). Somit kriegt man sicherlich einen starken Händedruck aber an kleinen Leisten (erstes Fingerglied) und extrem offenen Griffen oder auch weiten Zangen werden einfach andere Muskeln bewegt. Außerdem ist für mich ein dicker Unteram und wenig ausgebildete Ringbänder und Sehnen nicht zielführend. Ein Hangboard ist deutlich spezifischer wenn auch ungleich verletzungsanfälliger.
Für mich ist das beste Krafttraining immernoch das Bouldern an sich. Entweder Überhang (Rumpfkraft) oder senkrechte Wände mit Riesenslopern (Finger und Handkraft).
In allen anderen Dingen stimme ich dir zu und habe damit fertig.
Bis heute Abend! :>
Maxi
Achja noch etwas zum Abschluss:
Das TurnTilBurn ist sicher kein schlechtes Trainingsgerät. Es gibt natürlich deutlich unspezifischeres Training was als Klettertraining verkauft wird. Und hier diskutieren wir ja auch nicht ellenlang umeinander welche Muskeln wie und warum aktiviert werden und was das Ganze für die anderen Strukturen bedeutet.
Insgesamt ist das TTB ein sicherlich interessantes Gerät für die, die das Geld ausgeben wollen. Hier haben halt manch andere Trainingsgeräte einen Vorteil da billiger, aber sicher auch nicht besser! Es muss also jeder selber wissen, was er sich kauft und was nicht und 100 Euro sind auch mal gut in ne eigene Kletterwand reingesteckt…..